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Ein Leben als Hürdenläufer

Porträt Ruedi Prerost
Der Jurist und Behindertenaktivist Ruedi Prerost. (Bild:Annick Ramp / NZZ)

Wenn ihm danach ist, nennt sich Ruedi Prerost selber einen Krüppel. Eine erfrischend klare Ansage in diesen Zeiten des pathetischen Schönsprech. Wenn dieses starke Wort das nicht verkrüppelte Gegenüber schockiert oder zumindest irritiert – umso besser. Endlich nennt einmal einer das Kind beim Namen! Und zwar einer, der es wissen muss nach schwerer Krankheit, nach schwerer Operation, seit Jahrzehnten von Schmerzen geplagt und mittlerweile seit zwanzig Jahren im Rollstuhl.

Aber klare Worte aus berufenem Mund hört man nicht immer gern. Denn sie können die Beschaulichkeit stören, unangenehme Tatsachen zutage fördern und die Adressaten zur kritischen Selbstreflexion zwingen. In Zeiten überschäumender politischer Korrektheit gibt man vielen gesellschaftlichen Problemen lieber schöne Namen, statt sie zu lösen. «Invalider» tönt doch allemal besser als «Krüppel», mag sich mancher denken, da übersieht man auch gerne, dass der lateinische Wortsinn dieses Begriffs alles andere als eine charmante Umschreibung eines körperlichen Makels darstellt.

Aber was nützt es dem Rollstuhlfahrer überhaupt, wenn er statt «Krüppel» zuerst «Invalider», dann «Behinderter», dann «Mensch mit Behinderung» und neuerdings «Mensch mit besonderer Begabung» geheissen wird? Was nützt es ihm, wenn man vollmundig und selbstzufrieden statt von «Integration» von «Inklusion» spricht? Nichts. Im schlimmsten Fall schadet es sogar, indem die zelebrierte «Inklusion» etwa von geistig Behinderten in Fernsehformaten wie «Üse Zoo» oder «Üsi Badi» zur «Freakshow» verkommt, um Ruedi Prerost zu zitieren. Eines ist jedenfalls klar: Salbungsvolle Worte besänftigen vielleicht das Gewissen der Makellosen, aber sie beseitigen keine einzige Hürde, die einem Betroffenen für ein selbstbestimmtes Leben im Wege steht.

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